Neue Wache: 1816 beauftragte Friedrich Wilhelm III. Karl Friedrich von Schinkel, eine Wachstube zu entwerfen, in der die Soldaten untergebracht würden. In der Zeit des Baus hatten die Preussen wenig Geld, und diese Haushaltslage wird durch die einfachen Linien und die abstrakte kubische Form widergespiegelt. Dieser Bau wird als das erste Meisterwerk Schinkels betrachtet. Der Architekt hat beabsichtigt, den Betrachter an keine Person und an keine Figur zu erinnern. Stattdessen läßt der Entwurf den Betrachter selbst an eine abstrakte Idee erinnern. Das heisst, der Stil der Baukunst selbst beschwört ein Gefühl für die Vergangenheit herauf, das die Architekturgattung widerspiegelt. Die Architektur des romantischen Klassizismus, die im frühen 19. Jahrhundert von Karl Friedrich von Schinkel und einigen Zeitgenossen entworfen wurde, führt in die griechische Antike zurück.

Keineswegs beabsichtigte Schinkel mit dem Bau der Neuen Wache, ein Mahnmal für die Opfer von Krieg und Gewalt zu gestalten. Im frühen 20. Jahrhundert schuf die Bildhauerin Käthe Kollwitz eine Statue, die sie Mutter und Sohn nannte. Sie wird allgemein Pieta genannt und steht heute innerhalb der Neuen Wache. Das Kunstwerk widmete Kollwitz "allen Opfern von Krieg und Gewalt." 1914, nach dem Tod ihres Sohnes Peters, bemerkte Kollwitz im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg, dass die Pieta an den Opfertod der jungen Kriegsfreiwilligen erinnern solle. Am Anfang des Zweiten Weltkriegs meinte Kollwitz, dass die Menschheit das Opfer ihres Sohnes nicht angenommen habe, da sie auch ihren Enkel Peter verlieren musste.

Weder die Pieta noch die Bemerkungen von Käthe Kollwitz hätten viel Aufmerksamkeit erregt, hätte der damalige Kanzler Helmut Kohl 1993 nicht die Neue Wache einschließlich der Pieta zur "Zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland" ernannt. In Deutschland stellt sich die Frage heutzutage immer wieder, was für ein Mahnmal zur Erinnerung an den Holocaust errichtet werden soll. Kohls Ankündigung, dass die Pieta von Käthe Kollwitz ein Mahnmal darstellen solle, hat eine heftige Kontroverse ausgelöst. In der Zeit (1998, Nr. 13) fasst Reinhart Kosselick die Absicht Kohls zusammen: "Im stummen Einverständnis mit der SPD - weil Frau Kollwitz so eine brave Sozialistin war - entschied der Kanzler im Alleingang, daß eine aufgeplusterte Pieta der Kollwitz als nationales Mahnmal der beiden Weltkriege und des Nationalsozialismus aufgestellt wird." Kosselick stellt die Angemessenheit der Pieta in Frage:


»Denn die Pieta schließt sowohl die Juden aus wie die Frauen, die beiden größten Gruppen der unschuldig Umgebrachten und Umgekommenen des Zweiten Weltkrieges. Dies ist antijüdisch: Hinter der Trauer um den Leichnam Christi lauern jene seit dem späten Mittelalter bösartig visualisierten Juden, die den Gottessohn ermordet hätten. Und hinter der sichtbar überlebenden Mutter rufen Millionen vernichteter, ermordeter oder vergaster und verschwundener Frauen: Und wer gedenkt unser? Ein doppelter Mißgriff mit Folgen, die sich aus einer deshalb auch ästhetisch zweitrangigen Lösung zwingend ergeben. Der Denkfehler gebiert ästhetische Mißgestalten.«


Schließlich belegen diese Ereignisse, dass sich immer wieder die Erinnerung, die die Architektur heraufbeschwört, durch den Verlauf der Geschichte verändert.

In 1816, Friedrich Wilhelm III. commissioned Karl Friedrich von Schinkel to design a guard house in which soldiers would be accommodated. At the time of the construction, the Prussians had little money, and the simple lines and abstract cubic form reflect this budgetary situation. This building is considered as the first masterwork of Schinkel. The architect has not intended to remind the viewer about a person or a figure. Instead the design reminds the viewer about an abstract idea. That is, the artistic style of the building itself evokes a feeling for the past, which the architectural genre reflects. The architecture of the romantic classicism, designed by Karl Friedrich von Schinkel and a few contemporaries in the early 19th century, goes back to ancient Greece.

By building the Neue Wache, Schinkel intended in no way to design a memorial for the victims of war and violence. In the early 20th century, the sculptor, Käthe Kollwitz, created a statue that she called Mutter und Sohn (mother and son). Generally it is called "Pieta," and it stands inside of the Neuen Wache. Kollwitz dedicated the art work to "all victims of war and violence." In the context of the First World War, after the death of her son Peter in 1914, Kollwitz remarked that the Pieta shall be a reminder of the sacrificial death of the young volunteer soldiers. At the beginning of the Second World war, Kollwitz observed that humanity had not accepted the sacrifice of her son, as she also had to lose her grandson Peter.

Neither the Pieta nor Käthe Kollwitz remarks would have created much attention, had the chancellor, Helmut Kohl, in 1993 not declared the Neue Wache including the Pieta to be the "Zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland" (central memorial of Germany). These days in Germany, the question is raised again and again: What type of memorial shall be built in remembrance of the holocaust? Kohl's announcement that Käthe Kollwitz' Pieta represents a memorial has incited an intense controversy. In the Zeit (number 13, 1999) Reinhard Kosselick summarizes Kohl's intention: "In silent agreement with the Social Democrats - because Ms. Kollwitz was such a good socialist - the chancellor decided, acting alone, that Kollwitz' ruffled-up Pieta will be selected as a national memorial for both World Wars and for the Nazis." Kosselick calls the appropriateness of the Pieta into question:


"Because the Pieta represents the two largest groups of innocent people, murdered and killed in the Second World War, both the Jews and the women, it is anti-Jewish: Behind the sorrow around the body of Christ lurks those Jews who, since the late Middle Ages, have been visualized maliciously as murderers of the son of God. And behind the apparently surviving mother, millions of annihilated, murdered or gassed and vanished women call: And who remembers us? A double mistake with consequences, which arise necessarily from a therefore also aesthetically second class solution. The flawed thinking produces an aesthetically incorrect image."


These events show finally that again and again the remembrance that architecture evokes changes with the course of time.







Mutter und Sohn






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Photographs © Gary L. Catchen